Nicht hinter unserem Rücken – Kein Freifahrtschein für neue Gentechnik in unserem Essen!

Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen und deren Vermarktung als Lebensmittel sind in der EU erlaubt. Doch das reicht den Agrarkonzernen nicht. Die strenge EU-Risikoprüfung und die verpflichtende Gentechnik-Kennzeichnung für Produkte, die mit der Genschere verändert wurden, sind der Industrie seit langem ein Dorn im Auge. Denn als „gentechnisch verändert“ gekennzeichnete Lebensmittel sind unverkäuflich. Die Verbraucher*innen lehnen Gentechnik auf Acker und Teller mit überwältigender Mehrheit ab – und greifen lieber zu „gentechnikfrei“. Fast zwei Drittel sind gegen Lockerungen der Gentechnik-Regeln.

Mit dieser Wahlfreiheit für die Verbraucher*innen, sich gegen Gentechnik auf dem Teller entscheiden zu können, soll nun allerdings Schluss sein, wenn es nach Agrarkonzernen wie BAYER und BASF geht. Mit Hilfe der EU-Kommission sollen für einen Großteil der Produkte aus sogenannter Neuer Gentechnik (NGT) die Kennzeichnungspflicht und die strenge Risikoprüfung entfallen. Der Trick: Pflanzen, bei denen zwar kein artfremdes Erbgut eingebaut wurde, deren Erbgut jedoch mit der Genschere manipuliert wurde, sollen nicht mehr als „gentechnisch verändert“ eingestuft werden. Solche Pflanzen wären dann von der Gentechnik-Regulierung ausgenommen, Kennzeichnungspflicht und Risikoprüfung würden entfallen. Verbraucher- und Landwirt*innen könnten nicht mehr erkennen, welche Lebensmittel und welches Saatgut gentechnisch verändert wurde. Eine gentechnikfreie Landwirtschaft wäre dann ebenso unmöglich wie die Entscheidung für eine gentechnikfreie Ernährung.

Demokratie achten – Wahlfreiheit erhalten

Ganz unabhängig von den tatsächlichen oder vermuteten Chancen oder Risiken der Neuen Gentechnik wäre die Zerstörung der Gentechnik-Wahlfreiheit demokratiegefährdend. Eine Technologie, die von der überwältigenden Mehrheit der Bürger*innen explizit abgelehnt wird und die tief in die Ernährungssouveränität der Menschen eingreift, darf der Mehrheit nicht gegen deren Willen aufgezwungen werden. Eine solch deutliche Missachtung des Bürgerwillens würde – gerade in Zeiten des Populismus und der wachsenden Politikverdrossenheit – das Vertrauen in die demokratischen Institutionen Europas massiv beschädigen.

Auch Imker*innen und andere Erzeuger*innen, egal ob ökologisch oder konventionell wirtschaftend, haben ein Recht auf gentechnikfreie Erzeugung. Dafür ist die Rückverfolgbarkeit neuer Gentechnik wichtig. Diese muß Zulassungsvoraussetzung für jede Form von Agrogentechnik bleiben. Wer Gentechnik auf den Acker und in die Natur bringt, muss für mögliche Folgeschäden in Haftung genommen werden können. Durch die angestrebte Deregulierung neuer Gentechnik wäre dies unmöglich. Gentechnikfreie Imkerei, Landwirtschaft und Handel sind auf Kennzeichnung, Transparenz und Rückverfolgbarkeit von Agrogentechnik angewiesen sowie auf die Haftungsregelungen, die das bestehende Gentechnikrecht vorschreibt.

94 NGOs fordern: Gentechnik auch in Zukunft strikt regulieren

Ein breites Bündnis aus 94 zivilgesellschaftlichen Organisationen und Verbänden fordert in einem gemeinsamen Positionspapier die strikte Regulierung auch der neuen Gentechniken unter dem bestehenden EU-Gentechnikrecht. Die geplante Deregulierung der neuen genomischen Techniken gefährdet die Wahlfreiheit in Europa und steht nicht mit dem Vorsorgeprinzip der EU im Einklang. Zudem dient Agrogentechnik der Aufrechterhaltung klimaschädlicher Massentierhaltung und biodiversitätsschädigender Intensivlandwirtschaft. Mit gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas soll ein Agrarsystem fortgeschrieben werden, dass viele der Probleme geschaffen hat, mit denen die Landwirtschaft heute konfrontiert ist. So zählt die industrialisierte Landwirtschaft zu den großen Emittenten von Treibhausgasen und trägt zu Bodendegradation und zum Artensterben bei. Gerade in Kombination mit Gentechnik ist sie für den massiven Einsatz von Pestiziden und den Verlust der (Agro-)Biodiversität verantwortlich.

Solange Forschung und Politik einseitig Milliarden für Agrogentechnik vergeben anstatt in die Ökologisierung der Landwirtschaft zu investieren, sind die Weichen für den Green Deal der EU falsch gestellt. Die neuen Gentechniken werden zu einer weiteren Welle an Patentierungen führen und in Folge zu einer noch stärkeren Konzentration des Agrarmarktes in der Hand weniger Konzerne.

Nicht die Biene muss verändert werden, unser Verhalten muss sich ändern

Als offenstes aller landwirtschaftlichen Produktionssysteme ist die Imkerei in besonderem Maße von den Verfahren der neuen Gentechnik betroffen. Sogar die Biene selbst ist bereits ins Fadenkreuz neuer Gentechnik geraten. Mit gentechnisch veränderten Bakterien soll die Honigbiene vor Krankheiten geschützt und »effizienter« gemacht werden. Biotechnolog*innen arbeiten sogar daran, mit der Genschere CRISPR/Cas9 eine industrieoptimierte, pestizidresistente Superbiene zu schneidern. Forschende warnen vor einer »neuen Dimension von Umweltrisiken«.

Die Natur immer weiter an den Menschen anpassen zu wollen, ist eine Sackgasse. Wir brauchen mehr Respekt vor der Natur anstatt immer tieferer Eingriffe in das komplexe Ökosystem durch eine neue Technik, die wir gerade erst zu verstehen beginnen. Und nicht einmal die grundlegenden Regeln der Evolution, auf die wir diese Technik anwenden wollen, sind von der Wissenschaft gut verstanden. Erst 2022 hat die Entdeckung, dass Pflanzen gefährliche Mutationen vermeiden, indem sie wichtige Gene besonders schützen, unser Verständnis von Evolution grundlegend verändert: Mutationen sind eben nicht zufällig, wie Gentechnikbefürworter lange Zeit behaupteten.

Solche natürlichen Schutzmechanismen können durch die Gen-Schere unbemerkt durchbrochen werden und unvorhersehbare Schäden anrichten. Überdies ermöglicht die Genschere die gleichzeitige Veränderung mehrerer geschützter Genomregionen mit ‚Sicherheits‘-Kopien der Zielgene. Solche Veränderungen lassen sich mit klassischer Züchtung praktisch nicht erreichen. Kurzum: Mit der Genschere werden profitable aber potentiell riskante Eingriffe in das Genom der Pflanzen und damit in die Nahrungsnetze der Bestäuber einfacher und damit häufiger werden. Oder anders ausgedrückt: Die Risiken für die Biene und für das Ökosystem sind durch die Neue Gentechnik gewachsen. Auch für Neue Gentechnik ist daher eine sorgfältige Risikoprüfung notwendig. Darauf weisen Expert*innen von Umweltbehörden aus Deutschland, Italien, Österreich, Polen und der Schweiz hin: Ausnahmslos alle Pflanzen aus Neuer Gentechnik seien einer verpflichtenden Risikoprüfung zu unterziehen. Denn einmal freigesetzt, sind gentechnisch veränderte Organismen nicht mehr rückholbar.

Wir fordern die Verantwortlichen in der Politik, insbesondere Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir und Bundesumweltministerin Steffi Lemke auf, sich für die Beibehaltung der Regulierung auch der neuen Gentechniken einzusetzen. Das umfasst: Kennzeichnung, Risikoprüfung, Zulassung, Rückverfolgbarkeit, Transparenz, Monitoring und Haftung.

Nicht hinter unserem Rücken – Kein Freifahrtschein für neue Gentechnik in unserem Essen!

Demokratie achten – Wahlfreiheit erhalten: Keine Gentechnik ohne Risikoprüfung und Kennzeichnung auf unsere Äcker und Teller!

Demokratie achten – Wahlfreiheit erhalten! Keine Gentechnik ohne Risikoprüfung und Kennzeichnung auf unsere Äcker und Teller! Wir fordern:

  1. Auch neue gentechnisch veränderte Organismen (GVO) müssen so gekennzeichnet werden, dass Verbraucherinnen, Imker- und Bäuerinnen, Züchtung, Handel und Verarbeitung sie jederzeit erkennen und vermeiden können.
  2. Auch neue GVO müssen weiterhin entsprechend dem EU-Vorsorgeprinzip einer Risikoprüfung und -bewertung unterzogen werden.
  3. Rückverfolgbarkeit und Nachweisverfahren müssen eine Zulassungsvoraussetzung für GVO bleiben, ebenso die Rückholbarkeit. Wer GVO auf den Markt bringt, muss für Risiken und Folgeschäden haften.
  4. EU, Bund und Länder müssen mehr Forschung zu Umwelt-, Biodiversitäts- und Gesundheitsrisiken neuer GVO, zu ihren sozio-ökonomischen Auswirkungen sowie zur Entwicklung genereller Nachweisverfahren fördern.
  5. Um eine vielfältige, klimafreundliche und sozial gerechte ökologische und bäuerliche Landwirtschaft voranzubringen, sollten vor allem Forschung und Weiterentwicklung von bewährten und wirksamen gentechnikfreien agrarökologischen Methoden gefördert werden.

Kurzinfo Biene und neue Gentechnik

Über „Superbienen“, Transhumanisten, Crispr/Cas & Co.

Crispr/Cas, »alte« und »neue« Gentechnik: Was ist das?

Die »alte« Gentechnik und die »Gen-Kanone«

Mit der »alten« Gentechnik werden artfremde Gene in das Erbgut eingeschleust – mit dem Ziel, Pflanzen bestimmte Eigenschaften zu verleihen. Pflanzen und Tiere werden dabei nicht als Ganzes gesehen, sondern auf die Funktion einzelner »Gen-Bausteine« reduziert. Die natürlichen Mechanismen von Vererbung und Genregulation werden dabei umgangen. Mithilfe der sogenannten »Gen-Kanone« wird zum Beispiel ein Gen eines Bakteriums in das Genom einer Pflanze eingebracht. Auf diese Weise wird der Pflanze eine Eigenschaft des Bakteriums aufgezwungen. Etwa die Resistenz gegen ein Pestizid. Darüber hinaus entstehen aber oft auch weitere, ungewollte Veränderungen und unerwartete Wechselwirkungen. Denn mittels Gentechnik werden Organismen mit biologischen Eigenschaften erzeugt, die nie von der Evolution erprobt wurden.

Bei der »transgenen« Maissorte Mon810 wurden so Gene aus Bodenbakterien in das Mais-Genom eingeschleust, um den Mais selbst ein Gift (Bt-Toxin) gegen »Schadinsekten« produzieren zu lassen. Allerdings entwickelten die »Schädlinge« Resistenzen gegen die Bt-Gifte. Unkräuter entwickelten sich zu Bt-resistenten Superunkräutern. Als Folge müssen auf Bt-Mais-Feldern zusätzliche Spritzmittel eingesetzt werden. Auch wirken BT-Toxine nicht nur auf die jeweiligen »Zielorganismen« wie Maiswurzelbohrer oder Maiszünsler, sondern auch auf Schmetterlingsraupen, Bodenlebewesen, Wasserorganismen und Bienen. Die Folgen für das Ökosystem und für die Gesundheit von Mensch und Tier sind dabei nicht abschätzbar, zumal eine unkontrollierte Ausbreitung und Auskreuzung von Genpflanzen vielfach bereits nachgewiesen wurde.

Die »neue« Gentechnik und Crispr-Cas

2012 entdeckte die Biologin Emmanuelle Charpentier eher zufällig, dass einige Bakterien einen besonderen DNA-Reparaturmechanismus besitzen, um sich gegen Viren zu verteidigen: Crispr. Mit diesem Mechanismus und dem DNA-schneidenden Enzym Cas9 sind Gentechniker in der Lage, gezielt Gene zu entfernen, einzufügen oder auszuschalten. Diese »Genschere« Crispr-Cas9 funktioniert bei einzelnen Basen, ganzen Genabschnitten und auch an mehreren Stellen zugleich (Multiplexing). Zusammen mit dem Enzym Cas9 wird eine sogenannte „Lotsen“-RNA an jene Orte im Erbgut geführt, die »umgebaut« werden sollen. Der Umbau kann kleine oder große, einzelne oder viele Abschnitte betreffen. Solche Veränderungen können zu neuen Gen-Kombinationen führen, die nicht durch konventionelle Züchtung hergestellt werden können.

Die Entdeckung des Crispr-Cas9 Mechanismus löste einen wahren Run von Risikokapitalgebern und Investoren auf die Biotech-Branche aus: Die »neue« Gentechnik war geboren. Sie soll die Heilsversprechen der alten Gentechnik, die diese nie zu erfüllen vermochte, Wirklichkeit werden lassen: genmanipulierte Pflanzen, die die Erträge steigern, den Hunger in der Welt besiegen, Pestizide überflüssig machen und dem Klimawandel trotzen. Diese Versprechen der Agrarkonzerne sind verführerisch, doch die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen beweisen, dass bisher jeweils genau das Gegenteil eingetreten ist.

Da die überwältigende Mehrheit der Verbraucher Gentechnik aufgrund ihrer Risiken ablehnt und auch 75 % der Landwirte eine Gentechnik-Kennzeichnung befürworten, soll das richtige »Wording« dafür sorgen, das der Verbraucher die »neue« Gentechnik möglichst gar nicht mehr mit der »alten« Gentechnik in Verbindung bringt. Gern wird daher statt von Gentechnik von »Präzisionszüchtung«, »neuen Züchtungsverfahren« oder von »Genome Editing« (Genomchirurgie) gesprochen. Die Gentechnikindustrie stellt »Genome Editing« dabei gern als ein beherrschbares, gut überschaubares Verfahren vor. So, wie ein Programmierer Computerprogramme umschreibt, sollen lebende Organismen gentechnisch »umprogrammiert« und »optimiert« werden. Was diese Darstellung jedoch verschweigt: ein Gen hat nicht nur eine Wirkung. Auch einzelne kleine Veränderungen können in der Summe zu ganz neuen Eigenschaften der Organismen führen, deren Auswirkungen auf das Individuum und auf das das Ökosystem überhaupt nicht vorausgesehen werden können.

Die »neue« Gentechnik, der EuGH und der Ethikrat

2018 bestätigte der Europäische Gerichtshof (EuGH) in seinem Grundsatzurteil zur neuen Gentechnik die Position von Verbrau­cher- und Um­welt­schüt­zer*innen und unab­hängigen Wis­­senschaft­ler*innen: Auch »neue« Gentechnik ist Gentechnik und fällt unter die EU-Gentechnik-Gesetzgebung. Künstlich erzeugte Organismen dürfen nicht ungeprüft als großes Freilandexperiment in die Umwelt gelangen. Das Vorsorgeprinzip und die Anforderungen an das Zulassungsverfahren sowie die Bewertung von Gesundheits- und Umweltrisiken, Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit gelten uneingeschränkt auch für alle neuen GVOs.

Wegen der tiefgreifenden Folgen von Crispr fordert auch der Deutsche Ethikrat eine weitgespannte Diskussion und internationale Regulierung. »Es braucht eine intensive gesellschaftliche Debatte darüber, was wir mit der neuen Technik anstellen wollen«, so der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Prof. Peter Dabrock. »Wir dürfen die Entscheidungen nicht nur den Wissenschaftlern überlassen.«. Und schon gar nicht dürfen wir sie der Gentechnik-Industrie und ihren Gewinninteressen überlassen.

Wie sicher ist die »Genschere« Crispr/Cas?

In der Diskussion um die Sicherheit der neuen Gentechnik wird von deren Befürwortern oft auf die zielgerichtete Präzision der Genschere Crispr-Cas9 verwiesen: Im Unterschied zur konventionellen Züchtung, wo man keinen Einfluss darauf habe, wo welche Mutationen auftauche, könne mit der Genschere exakt bestimmt werden, wo Mutationen stattfinden sollen.

Off-Target-Effekte

Doch so präzise, wie oft behauptet wird, scheint die Genschere nicht immer zu arbeiten. Britische Forscher berichten in Nature Biotechnology von Genverlusten und von Verlagerungen ganzer Abschnitte des Erbguts, was Fragen zur Sicherheit des Verfahrens aufwirft (2018; doi: 10.1038/Nbt.4192). Auch Kevin Esvelt von der Harvard University wies 2018 bei der Jahrestagung des Deutschen Ethikrats in Berlin auf mögliche Off-Target-Effekte hin.

Generell kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Genschere Crispr-Cas9 den Nicht-Zielbereich des Genoms immer unangetastet lässt. Um nämlich die gewünschte Stelle im Erbgut anzusteuern, wird im Crispr-Verfahren eine Sonde (Guide RNA) aus RNA-Abschnitten konstruiert, die das komplette Genom nach der Gensequenz durchsucht, die herausgeschnitten werden soll. Doch die Erkennungssequenz der Ziel-Basenpaare kann im Genom auch mehrfach vorkommen, und dann schneidet die Genschere auch außerhalb des Zielbereichs. So kann es es zu ungewollten Ummodellierungen des Erbguts an Stellen kommen, die eigentlich nicht angesteuert werden sollten. Diese »Gen-Programmierfehler« nennt man Off-Target-Effekte. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass so etwas passiert, ist derzeit noch unklar. Ein Team um den Genetiker Allan Bradley vom Sanger Institute in Hinxton bei Cambridge hat nach der Anwendung der Genschere teilweise größere Genverluste in den Zellen nachgewiesen, darunter Löschungen von mehreren tausend Basenpaaren, aber auch komplexe Umlagerungen von Genen.

On-Target-Effekte

Ein potentielles Risiko sind auch ungewollte Veränderungen durch den Einbau zellfremder DNA in das Genom. So beim Einschleusen der DNA in die Zelle, die als Vorlage für die Herstellung der sogenannten Cas-Nuklease der Crispr-Cas Genschere dient. Solche DNA-Fragmente können, auch wenn sie zunächst nicht im Erbgut verankert sind, für einen längeren Zeitraum innerhalb der Zellen verbleiben und am Zielort (On-Target) unbeabsichtigt in das Erbgut mit einfügt werden.

Exon-Skipping-Effekte

Ein weiterer möglicher Nebeneffekt von CRISPR/Cas-Veränderungen ist das sogenannte Exon-Skipping. Dabei werden die veränderten Genabschnitte anders abgelesen, als dies beabsichtigt war. Die daraus gebildeten Proteine können ungewollte Eigenschaften aufweisen. Manchmal werden auch weiterhin die ursprünglichen Proteine in der Zelle gebildet, obwohl das zugrundeliegende Gen ausgeschaltet wurde. Beim Ablesen und Zusammensetzen von Proteinen aus einer DNA-Sequenz gibt es Bereiche, die in die Aminosäuresequenz des Proteins übersetzt werden (Exons), und andere, dazwischen liegende Bereiche (Introns), die herausgeschnitten werden. Zwischen einem Exon und einem benachbarten Intron liegen DNA-Sequenzen, die Anfang und Ende beider Elemente markieren. Bereits eine kleine Veränderung der DNA-Sequenz kann dazu führen, dass sich der „Leserahmen“ verschiebt und Gene anders abgelesen werden. Dadurch können einzelne Exons übersprungen werden und irrtümlich gebildete, verkürzte Proteine entstehen. Diese können immer noch funktionell in der Zelle arbeiten, aber im Vergleich zum normalerweise gebildeten Protein veränderte Funktionen aufweisen.

Kaskadeneffekte

Aus der Genauigkeit des Schneidens per se Sicherheit abzuleiten, wäre falsch: Denn es kommt auch auf die Wechselwirkungen der Gene untereinander und dann wiederum auf ihr Wechselspiel mit der Umwelt an. Sind Systeme, beispielsweise Ökosysteme oder Organismen, in schwer überschaubarer Weise miteinander verknüpft, entstehen Kaskadenrisiken. Die Auswirkungen einer punktuellen Veränderung auf der Ebene des Genoms können im komplexen Zusammenspiel des Organismus ganz anders sein als beabsichtigt. Durch Wechselwirkungen mit anderen Genen kann sich beispielsweise die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe von Pflanzen verändern. Dies wiederum kann die Interaktionen mit Bestäubern, Bodenorganismen oder Nahrungsketten beeinflussen. Diese kaskadierenden Auswirkungen sind zum Teil schwer zu entdecken, weil es hier nicht ausreicht, nur die Struktur der DNA zu untersuchen. Stattdessen müssten Stoffwechselvorgänge in der Zelle genauer untersucht werden und die Auswirkungen auf komplexe Ökosysteme.

Kann die neue Gentechnik Bienen vor Krankheiten schützen?

Ein Wissenschaftler*innen-Team um Nancy Moran von der University of Texas hat in Laborexperimenten ein natürlicherweise im Verdauungstrakt von Bienen lebendes Bakterium (Snodgrassella alvi) gentechnisch so verändert, dass es bestimmte Ribonukleinsäure-Moleküle (RNA) im Darm der Bienen freisetzen kann. Über den sogenannten RNA-Interferenz-Mechanismus (RNAi) können so lebenswichtige Gene des Bienenparasiten Varroamilbe und des bienenschädigenden Krüppelflügelvirus stillgelegt werden. Die Bienenschädlinge sollen auf diese Art abgetötet werden, um Bienen für einige Zeit gegen diese Krankheitserreger zu schützen.

Die Idee der Forscher*innen ist es, Bienen die gentechnisch veränderten Bakterien ins Futter zu geben, damit diese sich im Darm der Bienen ansiedeln. Die GV-Bakterien könnten sich dann auch auf alle anderen Bienenvölker sowie auf Wildbienen und Hummeln ausbreiten, in denen das Bakterium Snodgrassella alvi natürlicherweise vorkommt. Zudem könnten die genetischen Informationen auch auf andere Bakterien übertragen werden (»horizontaler Gentransfer«). Da Bakterien außerordentlich schnell mutieren, lässt sich auch nicht ausschließen, dass die GV-Bakterien ihre Wirkungen auf andere Tiere und auf den Menschen übertragen. So würde sich die tödliche RNA-Interferenzwaffe nicht rückholbar und mit schwer kalkulierbaren Risiken im Ökosystem verbreiten. Der Bienenfachmann und Neurobiologe Prof. Dr. Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin hält dies für »nicht verantwortbar«.

Die eingeschleusten RNA-Abschnitte, welche die GV-Bakterien ständig produzieren, werden nicht nur im Darm ausgeschüttet sondern sind auch in anderen Organen der Biene nachweisbar. Durch den RNAi-Mechanismus kann das empfindliche und – beispielsweise durch Pestizide – bereits stark belastete Immunsystem der Biene weiter »getriggert« und hochgefahren werden. Die Nebenwirkungen und möglichen subletalen Effekte dieser künstlichen »Daueraktivierung« des Immunsystems der Biene sind bisher nicht untersucht worden.

Selbst wenn die genveränderten Bakterien ohne Nebenwirkungen arbeiten würden, würden die Bienenparasiten sehr wahrscheinlich eine Resistenz gegen die Designer-RNA entwickeln, so der Zoologe Robert Paxton von der Uni Halle. Am Ende würden wohl einige Milbenpopulationen resistent werden und überleben. »Dann müssten wir auch die Bakterien wieder entsprechend gentechnisch umbauen. Es bliebe wohl ein Wettrüsten.« so Paxton.

Wäre die Büchse der Pandorra einmal geöffnet, könnte sich kein Imker vor dem Befall seiner Bienen mit den gentechnisch veränderten Bakterien schützen. Der Honig  gentechnisch veränderter Bienenvölker bliebe weitgehend unverkäuflich.

Es existieren bereits ökologisch verträgliche Methoden zur Varroabekämpfung. Die Rettung der Bienen vor Schädlingen kann mit imkerischer Expertise und ökologisch verträglich erreicht werden. Diese Methoden sind seit vielen Jahren erprobt. Die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen als tödliche RNA-Interferenzwaffe birgt unabsehbare Risiken für Honig- und Wildbienen sowie Hummeln und andere Insektenpopulationen.

Können Gene Drives wirklich ganze Arten ausrotten?

Ja. Die Gene Drive Technologie ist dazu angelegt, die natürlichen Vererbungsregeln mittels Gentechnik auszuhebeln. Eine gentechnisch herbeigeführte Eigenschaft kann durch den Einbau eines Gene Drives nicht nur wie gewöhnlich an 50 % der Nachkommen weitervererbt werden, sondern an nahezu alle Nachkommen. Mittels einer durch den Gene Drive ausgelösten gentechnischen Kettenreaktion kann beispielsweise Sterilität in einer Population verbreitet oder nur noch männliche Nachkommen geboren werden – womit Populationen – oder theoretisch auch eine Art weltweit – über mehrere Generationen zum Zusammenbruch und damit zur Ausrottung gebracht werden kann. Das Hauptziel für solche Anwendungen sind Insekten und Säugetiere, die als Agrarschädlinge gelten, Krankheiten übertragen oder in fremde Ökosystem eingeschleppt worden sind, wo sie dann Schäden verursachen.

Diese noch junge Technologie wurde bislang ausschließlich im Labor getestet. Erste Freisetzungsversuche sind jedoch mit Gene Drive Mücken in Burkina Faso in Planung. Jede Freisetzung – auch zu Versuchszwecken – wäre jedoch ein Ernstfall: Gene Drive Organismen verhalten sich höchst invasiv und breiten sich wahrscheinlich – auch grenzübergreifend – in jedem Lebensraum aus, in dem sie lebensfähig sind. Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es keine Möglichkeit ihrer räumlichen Eingrenzung, noch Möglichkeiten, die gentechnische Kettenreaktion zu stoppen oder auch Gene Drive Organismen aus der Natur zurückzuholen und deren Effekte rückgängig zu machen.

Auch ihre Auswirkungen und Risiken auf Ökosysteme, Nahrungsnetze oder die menschliche Lebensmittelsicherung sind nicht absehbar. Eine staatliche Umweltrisikobewertung nach international abgestimmten Kriterien liegt genauso wenig vor wie eine Technikfolgenabschätzung. Spezifische gesetzliche Regeln zum Umgang mit Gene Drive Organismen fehlen sowohl in Deutschland als auch auf EU- und UN-Ebene.

Um erste Freisetzungsversuche zu verhindern, braucht es deshalb schnellstmöglich einen weltweit gültigen Beschluss, der die Freisetzung von Gene Drive Organismen untersagt. Ein solches Moratorium müsste auf der nächsten Vertragsstaatenkonferenz der UN Biodiversitätskonvention (CBD COP 15) beschlossen werden, die im Oktober 2020 tagen sollte (Datum von vor der Corona-Krise). Für die Positionierung der EU spielt die deutsche Bundesregierung eine entscheidende Rolle. Während ihres Vorsitzes der EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 kann sie entscheidend dazu beitragen, dass die Forderung des Europäischen Parlaments für ein Moratorium auf die Freisetzung von Gene Drive Organismen auch vom EU-Ministerrat übernommen wird.

Weitere Informationen zu Gene Drives finden sich auf der Website »Stop Gene Drives« unseres Kampagnenpartners Save Our Seeds. Dessen Petition zu Gene Drives wird durch Ihre Unterschrift auf dieser Petition »Schützt die Biene vor Gentechnik« ebenfalls unterstützt. Ihre Stimme zum Schutz der Bienen unterstützt also auch die Forderung nach einem Freisetzungsverbot für Gene Drive Organismen in der EU und einem globalen Moratorium auf die Freisetzung von Gene Drive Organismen mittels der UN-Biodiversitätskonvention.

Globalisierung, Bio-Hacker und Transhumanisten: Welche Grenzen setzen wir der neuen Gentechnik?

Bio-Hacker und »Transhumanisten«

Mit der Genschere Crispr sind brisante ethische Fragen und neue Gefahren aufgetaucht, die von den Befürwortern der neuen Gentechnik gern heruntergespielt werden. Sogenannte Bio-Hacker, private Do-it-Yourself Gen-Bastler möchten die Technik gern für die Allgemeinheit verfügbar machen und verschicken Crispr-Baukästen in alle Welt. 2017 warnten deutsche Behörden vor mit Krankheitserregern verseuchten Experimentierkästen für Biohacker der kalifornischen Firma „The Odin“. In den USA versuchen Biohacker bereits, ihr eigenes Erbgut zu verändern. Sie nennen sich Transhumanisten. Der Philosoph Stephan Lorenz Sorgner gilt als einer der bekanntesten Vertreter des Transhumanismus. Er befürwortet nicht nur Selbstexperimente mithilfe von Gentechnik. Sondern auch die gentechnische Veränderung von Embryos und Kindern durch ihre Eltern. Das sei nichts anderes als Erziehung oder Impfen, argumentiert Sorgner.

Globalisierung

Es fehlen internationale Standards und Vorsorgemaßnahmen, um dem Missbrauch der neuen Gentechnik bei kriminellen oder terroristischen Anwendungen vorzubeugen. Der nationale Geheimdienstdirektor der USA, James Clapper, führte 2016 »Genome Editing« in einer Bedrohungsanalyse des US-Geheimdienstausschusses im Abschnitt über Massenvernichtungswaffen neben koreanischen Nuklearwaffen und chemischen Waffen aus Syrien und dem Irak auf.

Doch auch ohne leichtsinnige Bio-Hacker, Kriminelle oder Terroristen hätte eine Flut neuer, schlecht getesteter GMOs in Zeiten globalisierter Handelsketten und weltweiten Tourismus das Potential, in kürzester Zeit erheblichen Schaden in den Ökosystemen der Welt anzurichten. Am Beispiel des Covid19-Virus sehen wir gerade, mit welcher Geschwindigkeit sich Gensequenzen in unserer globalisierten Welt verbreiten können. Die Freisetzung einer Vielzahl schlecht getesteter GMO´s wäre daher unverantwortlicher denn je. Es wäre unmöglich, sie je wieder aus der Umwelt zurückzuholen, sollte sich herausstellen, dass sie negative Effekte auf das komplexe Ökosystem haben.

Es gibt kein Klimawandel-Gen aber komplexe Probleme

Komplexe Probleme lassen sich nicht mit der Genschere lösen

Gentechnik ist kein relevanter Beitrag zur Lösung der systemischen Krisen des Klimas, der Landwirtschaft und der Biodiversität. Im Gegenteil. Gentechnik schreibt agrarindustrielle Strukturen fort, die viele der aktuellen Probleme überhaupt erst verursacht haben und diese weiter verschärfen. Gentechnik dient als Werkzeug der Aufrechterhaltung der exportorientierten, klima-­ und bio­diversitätsschädigenden industriellen Intensivlandwirtschaft und Massentierhaltung. Die Konzentration auf technische Lösungen behindert den Weg zu der dringend benötigten Ökologisierung der Landwirtschaft. Nicht die gentechnische Optimierung von wenigen, anfälligen Hochleistungsexemplaren, sondern eine möglichst große Vielfalt an Sorten und Rassen sowie vielfältige Anbausysteme sorgen für eine optimale lokale Anpassung. Risikostreuung durch den Anbau einer breiten Vielfalt von Pflanzenarten minimiert das Risiko von Missernten und Krankheiten.

Gentechnisch veränderte Pflanzen wachsen in der Praxis zumeist in großen schädlingsanfälligen Monokulturen und müssen daher ihre eigenen Herbizide und Pestizide produzieren. Zudem werden sie meist für die Massentierhaltung angebaut. Große Gentechnikpflanzen-Plantagen bedrohen die Regenwälder und schädigen durch ihre Gentechnik-Ackergifte die Artenvielfalt.

 

Es gibt kein Gen gegen den Klimawandel

Auch zur Klimaanpassung der Landwirtschaft können genomeditierte Pflanzen keinen wesentlichen Beitrag leisten. Es gibt kein Gen gegen den Klimawandel. Klimawandel bedeutet, dass sich Wetterextreme in schneller Folge abwechseln. Zudem sind Eigenschaften wie Trockentoleranz äußerst komplex. Beim Mais etwa regulieren 174 Gene mit zahlreichen Interaktionen die Trockentoleranz. Was wir brauchen, ist eine stabile, klimarresiliente Landwirtschaft mit einem vielfältigen Mix aus Kulturpflanzenarten und -sorten, eine diversen Fruchtfolge, konservierende Bodenbearbeitung und Humusaufbau für fruchtbare Böden. Dies garantiert Ernährungssicherheit und macht die Landwirtschaft zur CO2-Senke. Was wir brauchen, ist eine Landwirtschaft, die genetische Vielfalt fördert ohne die natürlichen Netzwerke des Ökosystems zu schädigen. Agrogentechnik stabilisiert nachhaltige Produktionssysteme nicht sondern sie schafft neue unkalkulierbare Risiken.

 

Nicht einmal Überproduktion kann das das Hungerproblem lösen – Gentechnik erst recht nicht!

Wir leben in einer Zeit der Überproduktion an Nahrungsmitteln. Jährlich werden nach Schätzungen der FAO, der Landwirtschaftsorganisation der UNO, mindestens 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet. Experten schätzen, dass zwei Drittel davon noch genießbar sind. Allein damit könnte man zwei Milliarden Menschen ernähren.13 Wir produzieren nicht zu wenig Nahrungsmittel. Wir verteilen sie ungerecht.

Der mit Abstand wichtigste Markt für Agrogentechnik ist die industrielle Massentierhaltung. Ein problematischer Markt. Mit den Feldfrüchten , die verfüttert oder in Bioenergie-Anlagen verheizt werden, könnten 2,4 Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Denn damit der Mensch eine tierische Kalorie zu sich nehmen kann, muss das Tier – je nach Rechenmodell – das drei bis Siebenfache an pflanzlichen Kalorien aufnehmen.14 Das bedeutet »Fleisch frisst Land«. Von den ungefähr fünf Milliarden Hektar weltweit verfügbarer landwirtschaftlicher Nutzfläche werden etwa 80 Prozent für die Tierhaltung in Anspruch genommen.15 Die „Trog statt Teller“-Politik in der Landwirtschaft ist ein wesentlicher Treiber des Welthungers, sowie der Biodiversitäts- und Klimakrise.

Der Weltagrarrat fordert seit langem, dass die globale Landwirtschaft grundlegend verändert werden muss. Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, die rund 80 Prozent der weltweit konsumierten Nahrungsmittel produzieren16, müssten stärker dabei unterstützt werden, die natürlichen Ressourcen ihrer jeweiligen Region stärker zu nutzen. Dies ist in Zeiten des Klimawandels wichtiger denn je. Hungerbekämpfung geht lokal, mit vielfältigen, standortangepassten Sorten. Nicht mit den wenigen spezialisierten Hochleistungssorten der Agrogentechnikindustrie. Regionale Vielfalt, Stärkung der Rechte von Kleinbauern, Beseitigung unfairer Handelsbedingungen und ein besserer Zugang zu Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut und Krediten sind die wirksamen Waffen im Kampf gegen den Hunger. Nicht die Gentechnik.

Wir brauchen eine Ökologisierung der Landwirtschaft im Kampf gegen die unwiederbringliche Zerstörung der fruchtbaren Böden und der Artenvielfalt durch industrielle Massenproduktion. Gerade Kleinbauern und Kleinbäuerinnen mit wenig Land und Kapital brauchen kein patentiertes Hightech-Saatgut, sondern regional angepasste Lösungen. Zugespitzt formuliert: Gentechnik macht abhängig, nicht satt!

Wissenschaftler*innen warnen: Risiken der Genschere nicht kleinreden!

Auch Wissenschaftler*innen und Expert*innen verschiedener Umweltbehörden aus Deutschland, Italien, Österreich, Polen und der Schweiz plädieren dafür, ausnahmslos alle Pflanzen aus Neuer Gentechnik einer verpflichtenden Risikoprüfung zu unterziehen.2 Drei Jahre lang hat sich ein internationales Forschungsprojekt intensiv mit der Zulassungsprüfung von Gentechnik-Pflanzen befasst. Die Expert*innen stellten dabei fest, dass die „vergleichende Risikoprüfung“ die bisher angewandt wird, nicht ausreicht, um relevante Unterschiede zwischen Gentechnik-Pflanzen und Pflanzen aus konventioneller Zucht zu identifizieren. Auch berücksichtige die derzeitige Risikoprüfung Unsicherheiten und Grenzen des derzeit verfügbaren Wissens nicht ausreichend.3 Statt einer Deregulierung des Rechtsrahmens für eine Technik, die wir gerade erst kennenlernen, sei weitere Forschung und eine strengere unabhängige Risikoprüfung dringend notwendig.

Neue Publikationen deuten zudem darauf hin, dass die Verfahren der Neuen Gentechnik mit spezifischen Risiken einhergehen.4 Auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA hält eine Risikobewertung von Pflanzen aus Neuer Gentechnik für notwendig. Selbst dann, wenn keine fremden Gene eingefügt wurden.5

Auch kleinere Veränderungen im Genom von Pflanzen können zu erheblichen – beabsichtigten und unbeabsichtigten – Veränderungen von deren Inhaltsstoffe führen.6 Eine veränderte Zusammensetzung von Fettsäuren beispielsweise kann auch ungewollt die Nahrungsnetze des Ökosystems stören.7 Mögliche Auswirkungen gentechnisch veränderter Organismen auf die Kommunikation und die Gesundheit von Bienen, Insekten und Wildpflanzen müssen daher eingehend auf gentechnikspezifische Risiken hin überprüft werden. Denn genomeditierte Pflanzen sind – allen Beteuerungen der Industrielobby zum Trotz – für die Umwelt eben nicht genauso sicher, wie Pflanzen aus konventioneller Züchtung. Zumal die Neue Gentechnik spezifische genetische Kombinationen ermöglicht, die sich mit konventioneller Züchtung bisher so nicht erreichen ließen, wie es auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA einräumt.8 Beispielsweise, indem das Erbgut an mehreren Stellen gleichzeitig verändert wird.

Demokratie achten, Vorsorgeprinzip einhalten!

Die Deregulierungsbestrebungen der EU-Kommission sind umso unverständlicher, als 68 Prozent der Europäer*innen9 eine verpflichtende Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel befürwortet. In Deutschland fordert eine überwältigende Mehrheit von 81 Prozent der Bürger*innen10 sogar ein generelles Verbot von Agrogentechnik. Auch das EU-Parlament hat sich erst vor kurzem gegen weitere Importzulassungen von Gentechnik-Pflanzen ausgesprochen.11 Eine Technologie wie die Agrogentechnik, die von der Mehrheit der Bevölkerung ausdrücklich abgelehnt wird, darf in einer Demokratie – ganz unabhängig von deren tatsächlichen oder vermuteten Risiken – nicht zum Einsatz kommen. Und schon gar nicht »heimlich«, also ohne Kennzeichnung. Dies gilt umso mehr, als der Europäische Gerichtshof fordert, Ausnahmen zur Mutagenese eng auszulegen. Diese dürfen nur Verfahren betreffen, die seit langem angewandt wurden und als sicher gelten.12 Beides trifft auf die Neue Gentechnik nicht zu. Eine generelle Ausnahme bestimmter Mutagenese-Techniken (SDN-1, SDN-2, ODM-Methode) aus dem Gentechnikrecht ist daher unzulässig. Aus diesem Grund ist auch das Narrativ der Gentechnikindustrie, Pflanzen, die durch gezielte Mutagenese erzeugt wurden, würden das gleiche Risikoprofil aufweisen, wie Pflanzen, die durch konventionelle Züchtung erzeugt wurden, irreführend und falsch.

Wahlfreiheit für Bürger- und Verbraucher*innen erhalten!

Ökologisch wie konventionell wirtschaftende Betriebe haben ein Recht auf gentechnikfreie Erzeugung. Ebenso haben die Verbraucher*innen ein Recht auf gentechnikfreie Lebensmittel. Wie eine Koexistenz von Gentechnik und Gentechnikfrei aussehen könnte, darauf bleibt die EU-Kommission eine Antwort schuldig. Würden diese CRISPR-Pflanzen vom EU-Gentechnikrecht ausgenommen, könnten Landwirt*innen, Imker*innen, Lebensmittelhändler*innen, und Verbraucher*innen sich nicht mehr gegen Gentechnikerzeugnisse und für eine gentechnikfreie Produktion entscheiden. Die Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut würden keine Verantwortung für Schäden tragen, die durch ihre Produkte verursacht werden.

 

Webinar: Ernährungskrise, Klima & Artensterben – Welche Rolle kann Gentechnik in der Landwirtschaft spielen?

Die EU-Kommission macht ernst: Bestimmte Formen der neuen Gentechnik könnten bald von der strengen Regulierung des EU-Gentechnikrechts ausgenommen werden. Umwelt-, Ökolandbau- und Verbraucherschutzorganisationen befürchten, dass dann gentechnisch veränderte Pflanzen ohne Gentechnik-Risikoprüfung und ohne Kennzeichnung auf die Felder, in die Umwelt und auf die Teller der Verbraucher*innen gelangen. Mehr über die Pläne der EU-Kommission und die Einschätzung von Verbänden, Wissenschaftler*innen und Bürger*innen im Webinar.

Aktuelles