Gentechnik auch in Zukunft strikt regulieren!

Nicht nur die Biene ist ins Fadenkreuz neuer Gentechnik geraten. Die „neuen genomischen Techniken“ (NGT) können tief ins Erbgut aller Tiere und Pflanzen eingreifen und dieses grundlegend verändern. Ohne eine unabhängige strenge Risikoprüfung haben Pflanzen und Tiere, die mit der so genannten „Genschere“ (CRISPR) manipuliert wurden, das Potential, irreversible Schäden im Ökosystem anzurichten.

In der EU ist der Anbau von Gentechnikpflanzen bereits heute erlaubt. Aus gutem Grund allerdings nur nach einer strengen Risikoprüfung. Nun möchte die EU-Kommission das strenge europäische Gentechnikrecht jedoch lockern, um Pflanzen von der Gentechnik-Regulierung auszunehmen, bei denen zwar kein artfremdes Erbgut eingebaut wurde, deren Erbgut jedoch mit der Genschere manipuliert wurde.

Gentechnisch veränderte Pflanzen könnten dann ohne eine gentechnikspezifische Sicherheitsprüfung angebaut werden und ohne jede Kennzeichnung in den Handel gelangen. Diese Aufweichung des bestehenden Gentechnikrechts wäre zwar im Sinne der Agrarindustrie, nicht jedoch im Interesse der Bürger*innen. Ein breites Bündnis aus 94 zivilgesellschaftlichen Organisationen und Verbänden warnt daher: Die geplante Deregulierung der neuen genomischen Techniken gefährdet die Wahl- und Gentechnikfreiheit in Europa und steht nicht mit dem Vorsorgeprinzip der EU im Einklang.1

Wissenschaftler*innen warnen: Risiken der Genschere nicht kleinreden!

Auch Wissenschaftler*innen und Expert*innen verschiedener Umweltbehörden aus Deutschland, Italien, Österreich, Polen und der Schweiz plädieren dafür, ausnahmslos alle Pflanzen aus Neuer Gentechnik einer verpflichtenden Risikoprüfung zu unterziehen.2 Drei Jahre lang hat sich ein internationales Forschungsprojekt intensiv mit der Zulassungsprüfung von Gentechnik-Pflanzen befasst. Die Expert*innen stellten dabei fest, dass die „vergleichende Risikoprüfung“ die bisher angewandt wird, nicht ausreicht, um relevante Unterschiede zwischen Gentechnik-Pflanzen und Pflanzen aus konventioneller Zucht zu identifizieren. Auch berücksichtige die derzeitige Risikoprüfung Unsicherheiten und Grenzen des derzeit verfügbaren Wissens nicht ausreichend.3 Statt einer Deregulierung des Rechtsrahmens für eine Technik, die wir gerade erst kennenlernen, sei weitere Forschung und eine strengere unabhängige Risikoprüfung dringend notwendig.

Neue Publikationen deuten zudem darauf hin, dass die Verfahren der Neuen Gentechnik mit spezifischen Risiken einhergehen.4 Auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA hält eine Risikobewertung von Pflanzen aus Neuer Gentechnik für notwendig. Selbst dann, wenn keine fremden Gene eingefügt wurden.5

Auch kleinere Veränderungen im Genom von Pflanzen können zu erheblichen – beabsichtigten und unbeabsichtigten – Veränderungen von deren Inhaltsstoffe führen.6 Eine veränderte Zusammensetzung von Fettsäuren beispielsweise kann auch ungewollt die Nahrungsnetze des Ökosystems stören.7 Mögliche Auswirkungen gentechnisch veränderter Organismen auf die Kommunikation und die Gesundheit von Bienen, Insekten und Wildpflanzen müssen daher eingehend auf gentechnikspezifische Risiken hin überprüft werden. Denn genomeditierte Pflanzen sind – allen Beteuerungen der Industrielobby zum Trotz – für die Umwelt eben nicht genauso sicher, wie Pflanzen aus konventioneller Züchtung. Zumal die Neue Gentechnik spezifische genetische Kombinationen ermöglicht, die sich mit konventioneller Züchtung bisher so nicht erreichen ließen, wie es auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA einräumt.8 Beispielsweise, indem das Erbgut an mehreren Stellen gleichzeitig verändert wird.

Demokratie achten, Vorsorgeprinzip einhalten!

Die Deregulierungsbestrebungen der EU-Kommission sind umso unverständlicher, als 68 Prozent der Europäer*innen9 eine verpflichtende Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel befürwortet. In Deutschland fordert eine überwältigende Mehrheit von 81 Prozent der Bürger*innen10 sogar ein generelles Verbot von Agrogentechnik. Auch das EU-Parlament hat sich erst vor kurzem gegen weitere Importzulassungen von Gentechnik-Pflanzen ausgesprochen.11 Eine Technologie wie die Agrogentechnik, die von der Mehrheit der Bevölkerung ausdrücklich abgelehnt wird, darf in einer Demokratie – ganz unabhängig von deren tatsächlichen oder vermuteten Risiken – nicht zum Einsatz kommen. Und schon gar nicht »heimlich«, also ohne Kennzeichnung. Dies gilt umso mehr, als der Europäische Gerichtshof fordert, Ausnahmen zur Mutagenese eng auszulegen. Diese dürfen nur Verfahren betreffen, die seit langem angewandt wurden und als sicher gelten.12 Beides trifft auf die Neue Gentechnik nicht zu. Eine generelle Ausnahme bestimmter Mutagenese-Techniken (SDN-1, SDN-2, ODM-Methode) aus dem Gentechnikrecht ist daher unzulässig. Aus diesem Grund ist auch das Narrativ der Gentechnikindustrie, Pflanzen, die durch gezielte Mutagenese erzeugt wurden, würden das gleiche Risikoprofil aufweisen, wie Pflanzen, die durch konventionelle Züchtung erzeugt wurden, irreführend und falsch.

Wahlfreiheit für Bürger- und Verbraucher*innen erhalten!

Ökologisch wie konventionell wirtschaftende Betriebe haben ein Recht auf gentechnikfreie Erzeugung. Ebenso haben die Verbraucher*innen ein Recht auf gentechnikfreie Lebensmittel. Wie eine Koexistenz von Gentechnik und Gentechnikfrei aussehen könnte, darauf bleibt die EU-Kommission eine Antwort schuldig. Würden diese CRISPR-Pflanzen vom EU-Gentechnikrecht ausgenommen, könnten Landwirt*innen, Imker*innen, Lebensmittelhändler*innen, und Verbraucher*innen sich nicht mehr gegen Gentechnikerzeugnisse und für eine gentechnikfreie Produktion entscheiden. Die Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut würden keine Verantwortung für Schäden tragen, die durch ihre Produkte verursacht werden.

Komplexe Probleme lassen sich nicht mit der Genschere lösen

Gentechnik ist kein relevanter Beitrag zur Lösung der systemischen Krisen des Klimas, der Landwirtschaft und der Biodiversität. Im Gegenteil. Gentechnik schreibt agrarindustrielle Strukturen fort, die viele der aktuellen Probleme überhaupt erst verursacht haben und diese weiter verschärfen. Gentechnik dient als Werkzeug der Aufrechterhaltung der exportorientierten, klima-­ und bio­diversitätsschädigenden industriellen Intensivlandwirtschaft und Massentierhaltung. Die Konzentration auf technische Lösungen behindert den Weg zu der dringend benötigten Ökologisierung der Landwirtschaft. Nicht die gentechnische Optimierung von wenigen, anfälligen Hochleistungsexemplaren, sondern eine möglichst große Vielfalt an Sorten und Rassen sowie vielfältige Anbausysteme sorgen für eine optimale lokale Anpassung. Risikostreuung durch den Anbau einer breiten Vielfalt von Pflanzenarten minimiert das Risiko von Missernten und Krankheiten.

Gentechnisch veränderte Pflanzen wachsen in der Praxis zumeist in großen schädlingsanfälligen Monokulturen und müssen daher ihre eigenen Herbizide und Pestizide produzieren. Zudem werden sie meist für die Massentierhaltung angebaut. Große Gentechnikpflanzen-Plantagen bedrohen die Regenwälder und schädigen durch ihre Gentechnik-Ackergifte die Artenvielfalt.

Es gibt kein Gen gegen den Klimawandel

Auch zur Klimaanpassung der Landwirtschaft können genomeditierte Pflanzen keinen wesentlichen Beitrag leisten. Es gibt kein Gen gegen den Klimawandel. Klimawandel bedeutet, dass sich Wetterextreme in schneller Folge abwechseln. Zudem sind Eigenschaften wie Trockentoleranz äußerst komplex. Beim Mais etwa regulieren 174 Gene mit zahlreichen Interaktionen die Trockentoleranz. Was wir brauchen, ist eine stabile, klimarresiliente Landwirtschaft mit einem vielfältigen Mix aus Kulturpflanzenarten und -sorten, eine diversen Fruchtfolge, konservierende Bodenbearbeitung und Humusaufbau für fruchtbare Böden. Dies garantiert Ernährungssicherheit und macht die Landwirtschaft zur CO2-Senke. Was wir brauchen, ist eine Landwirtschaft, die genetische Vielfalt fördert ohne die natürlichen Netzwerke des Ökosystems zu schädigen. Agrogentechnik stabilisiert nachhaltige Produktionssysteme nicht sondern sie schafft neue unkalkulierbare Risiken.

Nicht einmal Überproduktion kann das das Hungerproblem lösen – Gentechnik erst recht nicht!

Wir leben in einer Zeit der Überproduktion an Nahrungsmitteln. Jährlich werden nach Schätzungen der FAO, der Landwirtschaftsorganisation der UNO, mindestens 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet. Experten schätzen, dass zwei Drittel davon noch genießbar sind. Allein damit könnte man zwei Milliarden Menschen ernähren.13 Wir produzieren nicht zu wenig Nahrungsmittel. Wir verteilen sie ungerecht.

Der mit Abstand wichtigste Markt für Agrogentechnik ist die industrielle Massentierhaltung. Ein problematischer Markt. Mit den Feldfrüchten , die verfüttert oder in Bioenergie-Anlagen verheizt werden, könnten 2,4 Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Denn damit der Mensch eine tierische Kalorie zu sich nehmen kann, muss das Tier – je nach Rechenmodell – das drei bis Siebenfache an pflanzlichen Kalorien aufnehmen.14 Das bedeutet »Fleisch frisst Land«. Von den ungefähr fünf Milliarden Hektar weltweit verfügbarer landwirtschaftlicher Nutzfläche werden etwa 80 Prozent für die Tierhaltung in Anspruch genommen.15 Die „Trog statt Teller“-Politik in der Landwirtschaft ist ein wesentlicher Treiber des Welthungers, sowie der Biodiversitäts- und Klimakrise.

Der Weltagrarrat fordert seit langem, dass die globale Landwirtschaft grundlegend verändert werden muss. Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, die rund 80 Prozent der weltweit konsumierten Nahrungsmittel produzieren16, müssten stärker dabei unterstützt werden, die natürlichen Ressourcen ihrer jeweiligen Region stärker zu nutzen. Dies ist in Zeiten des Klimawandels wichtiger denn je. Hungerbekämpfung geht lokal, mit vielfältigen, standortangepassten Sorten. Nicht mit den wenigen spezialisierten Hochleistungssorten der Agrogentechnikindustrie. Regionale Vielfalt, Stärkung der Rechte von Kleinbauern, Beseitigung unfairer Handelsbedingungen und ein besserer Zugang zu Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut und Krediten sind die wirksamen Waffen im Kampf gegen den Hunger. Nicht die Gentechnik.

Wir brauchen eine Ökologisierung der Landwirtschaft im Kampf gegen die unwiederbringliche Zerstörung der fruchtbaren Böden und der Artenvielfalt durch industrielle Massenproduktion. Gerade Kleinbauern und Kleinbäuerinnen mit wenig Land und Kapital brauchen kein patentiertes Hightech-Saatgut, sondern regional angepasste Lösungen. Zugespitzt formuliert: Gentechnik macht abhängig, nicht satt!

Wie kann ich Biene, Mensch und Umwelt vor Gentechnik schützen?

In einem ersten Schritt bittet die EU-Kommission die Bürger*innen sich bis zum 22. Oktober 2021 zu den Plänen zur Deregulierung der Neuen Gentechnik zu äußern. Rückmeldungen werden bei der weiteren Entwicklung der Initiative berücksichtigt. Da dieser Prozess umständlich ist, hat die Aurelia Stiftung die Arbeit für alle, die ihre Sorgen und Einwände vorbringen möchten, durch ein Online-Formular erleichtert. Wir sorgen dafür, dass die Kommentare der Bürger*innen auf dem Schreibtisch der Europäischen Kommission landen.

Mit dem Online-Formular könnten Bürger- und Verbraucher*innen beispielsweise fordern, dass die EU-Kommission das Gentechnikrecht auf alle gentechnisch veränderten Organismen anwendet und nicht länger versucht, gentechnisch veränderte Lebensmittel ungeprüft und ohne Kennzeichnung gegen den Willen der Mehrheit der Verbraucher*innen auf Felder und Teller zu schmuggeln. Anstatt das EU-Gentechnikrecht aufzuweichen, sollte die EU-Kommission die Schwachstellen in den Bereichen Risikobewertung und Kennzeichnung von GVO-Lebensmitteln beheben. Es können auch offene Frage thematisiert werden. Etwa die Frage, wie die eine Koexistenz von Gentechnik und Gentechnikfrei in der Praxis ohne Kennzeichnung funktionieren soll. Der Flugradius der Honigbienen etwa lässt sich nicht auf Flächen beschränken, die frei von neuen genomischen Techniken sind.

Schreibt einen eigenen Beitrag zur Gentechnik-Konsultation der EU, in dem ihr die Kommission mit euren eigenen Worten und Argumenten bittet, Gentechnik auch in Zukunft strikt zu regulieren. Nebenstehend findet ihr einen beispielhaften Entwurf dafür.

 

Quellen

1 94 Verbände, Positionspapier »Gentechnik auch in Zukunft strikt regulieren!«

2 Eckerstorfer, M.F.; Grabowski, M.; Lener, M.; Engelhard, M.; Simon, S.; Dolezel, M.; Heissenberger, A.; Lüthi, C. Biosafety of Genome Editing Applications in Plant Breeding: Considerations for a Focused Case-Specific Risk Assessment in the EU. BioTech 202

3 Bauernstimme, Unzureichende Zulassungsverfahren bei Gentechnik-Pflanzen, 25.1.2020

4 Testbiotech, Scherenschnittmuster im Weizen, 2020

5 EFSA, Evaluation of existing guidelines for their adequacy for the molecular characterisation and environmental risk assessment of genetically modified plants obtained through synthetic biology

6 Nonaka, S., Arai, C., Takayama, M. et al. Efficient increase of ɣ-aminobutyric acid (GABA) content in tomato fruits by targeted mutagenesis. Sci Rep 7, 7057 (2017). DOI 10.1038/s41598-017-06400-y

7 Kawall, K. Genome-edited Camelina sativa with a unique fatty acid content and its potential impact on ecosystems. Environ Sci Eur 33, 38 (2021). DOI 10.1186/s12302-021-00482-2

8 Testbiotech, EFSA: Verwirrung um Risiken der Neuen Gentechnik bei Pflanzen, 11/2020

9 Vlog, Große Mehrheit für Kennzeichnung neuer Gentechnik, 13.4.2021

10 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), Naturbewusstsein 2019, Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt

11 Europäisches Parlament, Entlastung 2019: Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit

12 GEISTWERT Rechtsanwälte OG, Das Genschere-Urteil des EuGH von Rainer Schultes, 6.8.18

13 Westdeutscher Rundfunk Köln, Quarks, So viele Menschen könnten wir zusätzlich ernähren, wenn wir weniger Lebensmittel verschwenden, 2.5.2019

14 taz, Drei Kalorien rein, nur eine raus, 18.7.2014

15 WWF Deutschland, Der Appetit auf Fleisch und seine Folgen, 8.5.2015

16 FAO-Bericht: Kleinbauern sind das Rückgrat der Welternährung, 16.10.2014

Sagt der EU-Kommission Eure Meinung!

Die Kommission will bei ihrer Initiative zur Deregulierung des Gentechnik-Rechts Rückmeldungen der Bürger*innen berücksichtigen. Deren Botschaften werden auf der Website der Kommission mit Namen veröffentlicht und später in einem Bericht zusammengefasst. Die Kommission wird darin erläutern, in welcher Weise Beiträge berücksichtigt wurden bzw. warum bestimmte Vorschläge nicht aufgegriffen werden können. Alle Antworten müssen den Feedback-Regeln der EU entsprechen und sollten Bedenken gegen eine Deregulierung des Rechtsrahmens für neue genomische Techniken sachlich, individuell und qualifiziert beschreiben. (Der Text im Antwortfeld ist nur ein Beispiel, an dem ihr euch grob orientieren könnt.) Rückmeldungen sind nur bis zum 22. Oktober 2021 möglich.

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